Neil Gaiman, Sandman

Wer ist eigentlich Neil Gaiman? Mr Gaiman ist ein multitalentierter britischer Autor von Romanen, Kinderliteratur, zwei Doctor Who-Folgen.. und ich habe bestimmt noch einiges vergessen. Wer mehr wissen möchte, kann bei seinem Twitter-Konto oder auf seinem Blog vorbeischauen. Außerdem ist er auch schon einmal bei den Simpsons aufgetaucht (die Folge habe ich nämlich neulich durch Zufall im Fernsehen gesehen).

Am berühmtesten ist Neil Gaiman wahrscheinlich für die Reihe der Sandman-Comics, die von 1989 bis 1996 erschienen ist. Die einzelnen Geschichten sind in 10 Bänden zusammengefasst. Auf der Rückseite steht, dass man die Baende nicht chronologisch lesen muss. Ich lese mich gerade schneller als mir lieb ist durch die Serie, und bin ungefähr in der Mitte.

Die Hauptfigur ist der Sandman, obwohl er in den Comics selber nie so genannt wird. Er ist Herrscher über die Welt der Traueme und trägt mehrere Namen: Dream, Morpheus, Lord of Dreams… (keine Ahnung, ob die in der deutschen Übersetzung auch mitübersetzt worden sind) … Die Saga fängt damit an, dass Dream von einem englischen Okkult-Magier gefangen genommen worden ist. Nach mehreren Jahrzehnten des geduldigen Ausharrens in der Gefangenschaft kommte er frei. Die Geschichte handelt nun davon, wie er sich in der Welt wieder zurechtfindet und sein Reich wieder in Ordnung bringt (…denn ein paar Dinge sind in seiner Abwesenheit ausser Kontrolle geraten). Der Plot ist allerdings nicht geradlinig, sondern es gibt viele Abstecher in andere, in sich geschlossene Geschichten. In manchen taucht Dream nur kurz am Rande auf, aber ich habe das Gefühl, dass sie uns alle verschiedene Facetten der Figur zeigen. Vielleicht fügt es sich bis zum Ende der Saga doch noch zu einem großen harmonischen Etwas zusammen.

Neil Gaiman hat mit den Sandman-Comics eine Welt erschaffen, in die man beim Lesen völlig eintauchen kann. Die Geschichte(n), die er erzählt, sind unglaublich reichhaltig und vielseitig. (Es gibt sogar eine ganze Reihe Leute, die gelehrte Aufsätze über den Sandman geschrieben haben.) So bezieht sich Gaiman oft auf Weltiteratur. Zum Beispiel geht es in einer Geschichte um Shakespeares Sommernachtstraum und seine Entstehung (nur so viel sei verraten: Dream hat seine Finger dabei im Spiel). An anderen Orten werden Anspielungen gemacht auf Lord of the Rings, Stephen King, The Wizard of Oz – und das sind nur die Verweise, die mir beim ersten Lesen aufgefallen sind.

Die Haupthandlung spielt in der Gegenwart (England und USA), aber wir werden beim Lesen oft in andere Zeiten versetzt und treffen auf Figuren aus der Weltgeschichte, zum Beispiel den Kaiser (ja, wirklich!) von Amerika, Robespierre und Saint-Just aus den Zeiten der Französischen Revolution, der Kaiser Augustus im antiken Rom, … Außerdem macht Gaiman Anleihen bei der Mythologie der verschiedensten Kulturen. Zum Beispiel Baba Jaga (slawische Mythologie). Kalliope (griechische Mythologie), afrikanische Mythologie…

Zum Genre: An manchen Stellen schreibt Gaiman puren Horror. Es tauchen auf: Serienmörder, Vergewaltiger, schwarze Magie. Bei ein paar Bildern musste ich wegschauen. Und ich lese den Sandman lieber nicht direkt vorm Schlafengehen, wenn ich seltsame Träume vermeiden moechte.

Der Horror ist nicht so mein Ding, aber was mir umso mehr gefällt, ist der bunte Reigen an Nebenfiguren. Die Anleihen aus der Geschichte, Literatur und Mythologie habe ich ja schon erwähnt. Dann gibt es zum Beispiel noch die Geschwister von Dream – alle zusammen die Endless genannt. Eine meiner Lieblingsfiguren ist seine Schwester Death. Hier ist der Tod kein unheimlicher Sensenmann, sondern eine junge Frau im Goth-Outfit – freundlich und herzlich und irgendwie lebensmunter. Die Menschen, denen sie bei ihrem Tod erscheint, gehen gerne mit ihr. Auch viele andere Nebenfiguren sind mit viel Sympathie gezeichnet und erscheinen einfach menschlich, zum Beispiel das lesbische Paar Hazel und Foxglove, Nachbarinnen von Barbie, der Heldin in A Game of You.

Im Moment bin ich ganz fasziniert von Metafiktion, und auch im Sandman gibt es viele metafiktionale Elemente. Hier nur ein paar Zitate:

„What is this? Some kind of moment of revelation? Like in the books? Is this where I find out I was abused as a child and I’ve been blocking it all these years?“

(Neil Gaiman, The Sandman: A Game of You, New York: DC Comics, 1993)

„You shouldn’t trust the story-teller; only trust the story.“

(Neil Gaiman, The Sandman: Fables and Reflections, New York: DC Comics, 1993)

Das ist etwas, über das ich gerne noch mehr nachdenken würde.

Ach so, und außerdem muss ich beim Namen Sandmann natürich immer an die klassische Erzählung von E.T.A Hoffmann denken. Die ist auch sehr lesenswert und sehr gruselig!

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

4 Antworten zu “Neil Gaiman, Sandman

  1. Ich muss ja gestehen, dass ich noch nie etwas von Neil Gaiman gelesen habe – auch wenn der Name mir natürlich etwas sagt. Ich sollte das vielleicht mal ändern. 🙂

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