Alison Bechdel, Fun Home. A Family Tragicomic.

Alison Bechdel (auf Twitter unter @AlisonBechdel zu finden) ist eine amerikanische Comicbuchautorin, die mir zunächst durch den Bechdel-Test bekannt war, mit dem man bewerten kann, wie es in einem Film mit der Repräsentation von weiblichen Figuren aussieht. (Zum ersten Mal hatte ich davon übrigens bei Anke Gröner gelesen.)

Fun Homes ist eine Autobiographie im Comicbuchformat. Alison ist auf dem Land in Pennsylvania (sprich: in der tiefsten Provinz) aufgewachsen. Ihr Vater Bruce ist Lehrer und Bestattungsunternehmer, also Leiter von einem funeral home. Daher der zweideutige Titel des Buches.

Das Buch beschäftigt sich mit großen Themen: die Trauer um Alisons Vater, der Selbstmord begeht (oder ist es ein Autounfall?), als sie an der Universität ist – ein paar Wochen, nachdem sie ihren Eltern gegenüber ihr coming out als Lesbe hatte. Es geht um die Beziehung zwischen Vater und Tochter. Während am Anfang des Buches noch Angst und Unverständnis für den Vater überwiegt, nähert die Erzählerin ihm sich im Laufe des Buches an, und auf den letzten Seiten finden wir Verständnis für den Vater und seinen Lebenslauf. Sexualität – die eigene Sexualität, die versteckte Sexualität des Vaters (wir finden heraus, dass er Beziehungen mit anderen Männern hatte) – ist ein weiteres Thema, das von verschiedenen Seiten betrachtet wird.

Die Geschichte folgt keinem geradlinigen Muster, sondern springt zwischen verschiedenen Episoden hin und zurück. Die Autorin greift dabei auf verschiedene Werke der Weltliteratur zurück, mit denen sie versucht, ihre Beziehung zu ihrem Vater und ihre Familie zu erklären. Unter anderem werden Albert Camus, Henry James, F Scott Fitzgerald und The Great Gatsby, der Mythos von Dädalus und Ikarus und James Joyces Ulysses, sowie Marcel Prousts Auf der Suche nach der Verlorenen Zeit  zur Erklärung herangezogen – aber auf eine Art, die stimmig ist und sich in den Erzählfluss einfügt.

„Dad does not mention identifying with the character of Jimmy Gatz, but the parallels are unavoidable.“

„Like Odysseus’s faithful Penelope, my mother had kept the household going for twenty years with a more or less absent husband.“

„I employ these allusions to James and Fitzgerald not only as descriptive devices, but because my parents are most real to me in fictional terms.“

Die Ereignisse spitzen sich zum Höhepunkt im Sommer 1972 hin zu, als in der Welt außerhalb sich der Watergate-Skandal entfaltet, der Vater vor Gericht steht, weil er einem Minderjährigen Alkohol gegeben hat (anderes bleibt unausgesprochen, dazu die Erzählerin: „The real accusation dared not speak its name.“), unsere Erzählerin ihre erste Periode bekommt, ein heftiger Sturm den Garten des Hauses verwüstet. Die Mutter probt für ihre Rolle in Oscar Wildes Importance of Being Earnest, ein treffender Kommentar über das Doppelleben, das der Vater mehr oder weniger von seiner Familie verborgen hält.

„This juxtaposition of the last days of childhood with those of Nixon and of that larger national innocence may seem trite. But it was only one of many heavy-handed plot devices to befall my family during those strange, hot months.“

Als Alison studiert und langsam entdeckt, dass sie lesbisch ist, kommt sie ihrem Vater über die Literatur wieder näher. Sie tauschen Bücher aus, mit absichtlichen oder unabsichtlichen Botschaften. Ohne das Wort „schwul“ je in den Mund zu nehmen oder über seine Gefühle mit ihr zu reden, unterstützt Bruce seine Tochter in ihrem coming out – ein Schritt, den er selber nie getan hatte.

Mein Fazit: Ein bittersüßes, trauriges, aber auch komisches Buch.

Und was kommt als nächstes? Ich habe aus lauter Neugierde den ersten Band von der Suche nach der Verlorenen Zeit auf meinen Kindle heruntergeladen. Mal schauen, wie weit ich komme… Wer Autobiographie und Comics mag, dem kann ich übrigens Persepolis von Marjane Satrapi herzlichst empfehlen.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Alison Bechdel, Fun Home. A Family Tragicomic.

  1. Danke für diesen genialen Tipp, habe ich mir gleich notiert! 😀 Tausend dank auch für den Hinweis auf den Bechdel-Test … was es nicht alles gibt, davon hatte ich zuvor noch nie gehört.

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