Chimamanda Ngozi Adichie, Americanah

Wenn ich selber an Nigeria denke, fallen mir ein: Frauen in bunten Kleidern. Erdöl. Umweltverschmutzung im Nigerdelta. Islamische Milizen im Norden des Landes. Wenn ich noch mehr nachdenke, fällt mir Biafra ein. Und darüber hinaus? Ich habe keine Ahnung davon, wie die Menschen in Lagos leben, was es bedeutet, Angehörige der Mittelklasse in Lagos zu sein, was die Menschen dort täglich bewegt, was sie in ihrer Freizeit machen. Bin ich eine große Ausnahme? Ich vermute, nicht.

Americanah von der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat meinen Horizont ein wenig erweitert. Die Heldin Ifemelu wächst in Nigeria unter der Militärdiktatur auf, geht zum Studium in die USA, fängt dort ganz unten an und endet mit einer Fellowship an Harvard, einer Eigentumswohnung und einem Freund, der Yale-Professor ist. In ihrem erfolgreichen Blog analysiert sie mit kritischer Stimme die Rassenverhältnisse in den USA. Trotz des Erfolges kehrt sie nach Nigeria zurück und trifft dort ihre erste grosse Liebe, Obinze, wieder. Von Obinze selber hatte sie sich entfremdet (eine erschütternde Szene im Buch ist der Auslöser dafür). Obinze selbst reist in der Zwischenzeit mit einem sechsmonatigen Visum nach England, versucht Fuß zu fassen und scheitert, wird schließlich nach Nigeria deportiert. Fuer mich ein besonders ernüchternder Teil des Buches.

In dem Buch geht es um Vorurteile, Stereoypen und Rassismus. Wie lebt es sich als schwarze Afrikanerin in Amerika? An einer Stelle im Buch sagt Ifemelu, dass sie sich in Nigeria nie als Schwarze gefühlt hatte – erst, als sie in die USA gekommen war. Gutgemeinte Bemerkungen von liberalen weißen Freunden und Kollegen lassen (unbewusste) Vorurteile durchscheinen.

Und es geht in dem Buch darum, wie Menschen in der Zeit der Globalisierung leben, genauer gesagt, nigerianische Einwanderer in den USA und Rückkehrer aus dem Ausland nach Nigeria. Ein „Americanah“ ist im nigerianischen Slang uebrigens jemand, der nach einer Zeit in den USA nach Nigeria zurueckgekehrt ist. Im Buch begegnen wir durch Ifemelus Augen anderern Nigerianern in Amerika. Ihre allereinziehende Tante, die anfangs drei Jobs gleichzeitig hat, für ihre Medizinprüfungen arbeitet, und mit ihrem Sohn in einer schäbigen Wohnung lebt und mutlos gegenüber ihrem Leben ist. Ifemelus Freundin aus Schulzeiten, die als Teenagerin in die USA gekommen ist, versiert in der US-Kultur, mit amerikanischem Akzent spricht und veraltete Slang-Wörter benutzt, wenn sie nigerianisches Englisch spricht. Frauen im Friseursalon, die an ihrer afrikanischen Heimat hängen, sich über amerikanische Sitten beschweren und Nollywood-Filme im TV schauen.

Überhaupt, afrikanisches Haar ist ein großes Thema und Ifemelus letzter Besuch beim Friseur bevor sie die Reise zurück nach Nigeria antritt, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Welcher Haarstyle – chemische Relaxer, braids, Afro, twist outs – gewählt wird, ist eine Aussage über die Lebensauffassung.

Das Buch ist auch eine Liebesgeschichte zwischen Ifemelu und Obinze:

„She rested her head against his and felt, for the first time, what she would often feel with him: a self-affection. He made her like herself. With him, she was at ease; her skin felt as though it was her right size.“

Ich weiß ja, dass es erst Februar ist, aber Americanah ist das beste Buch, dass ich in diesem Jahr gelesen habe und es wuerde mich nicht überraschen, wenn es auch so bleibt. Kennt ihr das Gefühl des Bedauerns, wenn ein gutes Buch zu Ende geht? Genauso habe ich mich bei Americanah gefühlt. Und, ja, ich habe geweint, als ich die letzte Seite gelesen habe. (Aber ich verrate nicht, warum – spoilers.)

Americanah ist nicht das erste Buch, das ich von Chimamanda Adichie lese. Vor ein paar Jahren schon habe ich Half a Yellow Sun gelesen, als es gerade den Orange Prize for Fiction, ein wichtiger englischer Literaturpreis, gewonnen hatte. Als nächstes steht Purple Hibiscus auf meiner Leseliste; ich freue mich schon darauf. Die deutsche Übersetzung von Americanah erscheint uebrigens am 24. April 2014.

Je mehr ich von und über Chimamanda Ngozi Adichie lese, desto begeisterter bin ich von dieser intelligenten, inspirierenden Frau.  Dieser TED-Talk von Chimamanda Adichie über „The danger of a single story“, also über die Vorurteile, wenn man nur eine Seite einer Geschichte kennt, berührt einige Themen, um die es auch in Americanah geht:

Ein Zitat aus dem Vortrag: “If I had not grown up in Nigeria, and if all I knew about Africa were from popular images, I too would think that Africa was a place of beautiful landscapes, beautiful animals and incomprehensible people, fighting senseless wars, dying of poverty and AIDS, unable to speak for themselves and waiting to be saved by a kind, white foreigner.”

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10 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

10 Antworten zu “Chimamanda Ngozi Adichie, Americanah

  1. Kathrin

    „Americanah“ habe ich am Samstag gekauft und direkt die ersten 70Seiten in einem Rutsch verschlungen. Danach habe ich mich etwas gebremst, weil mir das Buch so gut gefällt, dass ich es über einen etwas längeren Zeitraum genießen möchte. Bisher kann ich deine Eindrücke nur bestätigen – und wenn ich lese, dass du bei der letzten Seite geweint hast, scheint mich ja noch so einiges zu erwarten.

    „Half of a yellow sun“ hatte ich vor vielen Jahren ebenfalls gelesen. Das Buch mochte ich damals – einer der Gründe, warum ich in der Buchhandlung nach „Americanah“ griff und das Buch kaufte, ohne es anzulesen. Bisher gefällt mir „Americanah“ sogar besser als „Half of a yellow sun“, was wohl zu großen Teilen an den Charakteren liegt.

  2. Ah, ich bin ja noch ganz neu beim Bloggen, aber ich liebe es, mich auf diese Weise über Bücher austauschen zu können! 🙂

    Geniesse „Americanah“ auf jeden Fall, so lange, wie du kannst! Ich habe es in vier Tagen durchgelesen und wünschte, ich hätte mich ein wenig gebremst (aber gleichzeitig wollte ich ja unbedingt wissen, wie es mit Ifemelu weiter geht…).

    Es würde mich wirklich interessieren, noch mehr darüber zu hören, was du vom Buch denkst, wenn du es ausgelesen hast (oder auch schon eher)!

    • Kathrin

      Genießen werde ich es – muss ich sogar unfreiwillig (die Masterarbeit und der Nebenjob lassen mich nicht so viel zum Lesen kommen, wie ich mir das gern wünsche 😉 ). Momentan habe ich Ifemelus ersten Sommer in New York hinter mir und nun geht es nach Philadelphia. Die ersten Klebemarker stecken auch schon im Buch und ich hoffe, alle meine Eindrücke bleiben bis zur Rezension in meinem Gedächtnis.

      Der Vortrag von Chimamanda Ngozie Adichie hat ja auch Beyoncé zu einem Lied inspiriert bzw. hat diese Teile aus dem Vortrag in ihren Song eingebaut (http://www.theguardian.com/books/2013/dec/13/beyonce-samples-chimamanda-ngozi-adichie-feminism-talk ). Ich bin zwar kein Fan von Beyoncé, finde es aber interessant, dass dadurch einer Autorin, die sich für gesellschaftliche Themen interessiert und engagiert, bzw. der Literatur im Allgemeinen auf diese Weise ein Platz in der Musik gegeben wird – das ist mal etwas anderes 🙂

      • Ich bin schon neugierig auf deine Rezension! Weiterhin viel Spaß beim Lesen (und alles Gute für die Masterarbeit!!)

        Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Chimamanda Adichie einfach toll ist! Den Beyonce-Song muss ich mir unbedingt auch anhören…!

  3. Vielen Dank für diese Besprechung, Sarah! Ich hatte noch nichts von der Autorin gehört und bin jetzt ganz neugierig geworden – und, nachdem ich mir gerade ihren klugen Vortrag angehört habe, schlicht bezaubert.

  4. Pingback: [Die Sonntagsleserin] KW #09 – März 2014 | Phantásienreisen

  5. Schöner Beitrag, grandioses Video. Danke! Ich bin glücklich, dass ich mir die halbe Stunde dafür Zeit genommen habe. Adichie ist eine Autorin, die ich unbedingt entdecken will – nun warte ich allerdings noch sehnsüchtiger auf die deutsche Übersetzung von “Americanah” (erscheint leider erst Ende April). Mal sehen, ob ich vorher den “Blauen Hibiskus” irgendwo zum Lesen bekomme.

  6. Pingback: Chimamanda Ngozi Adichie. Americanah. Roman einer Bloggerin | masuko13

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