A Single Man und Boy Meets Boy

Eigentlich wollte ich hier etwas über Christopher Isherwoods A Single Man schreiben, sobald ich das Buch ausgelesen hatte. Dann ließ ich den Blogpost für ein paar Tage liegen und war plötzlich mitten in David Levithans Boy Meets Boy. Und dann dachte ich, ich könnte auch genauso gut einen einzigen Blogpost für beide Bücher schreiben.

Dabei haben die beiden Bücher eigentlich gar nicht so viel gemeinsam. Das einzige, was die beiden Bücher verbindet, ist, dass die Hauptfigur schwul ist. Und, dass sie in den USA spielen. Außerdem sind beide sehr kurz – man kann sie gut an einem Wochenende, oder vielleicht sogar an einem Tag, weglesen. Das ist es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Mal kurz zusammengefasst:

A Single Man: Spielt in Kalifornien in den 1960er Jahren. Die Hauptfigur ist ein Mann im mittleren Alter. George trauert seiner verstorbenen großen Liebe Jim hinterher. Er ist als schwuler Mann ein Außenseiter in der Gesellschaft, fühlt sich fremd gegenüber den spießigen Nachbarn und seinen jungen Studenten (er unterrichtet an einem College), ist zudem Brite und schon dadurch anders vom Rest der Gesellschaft.

Boy Meets Boy: Spielt in einer Kleinstadt an der Ostküste um 2003 herum. Die Hauptfigur ist ein High School-Schüler. Paul verliebt sich in den neuen Mitschüler Noah, und im Verlauf des Buches geht es darum, ob sie zusammenkommen oder nicht. Paul lebt in einer Kleinstadt, in der Homosexualität „normal“ ist, hat einen engen Freundeskreis und ist gut in das sozialel Gefüge der Schule integriert.

I am alive, he says to himself, I am alive! And life-energy surges hotly through him, and delight, and appetite. How good to be in a body – even this old beat-carcase – that still has warm blood and live semen and rich marrow and wholesome flesh!“ (Christopher Isherwood, A Single Man)

A Single Man habe ich zum ersten Mal vor ein paar Jahren gelesen, nachdem ich gerade den tollen gleichnamigen Film von Tom Ford gesehen hatte. Damals hatte mir das Buch im Vergleich zum Film gar nicht so gut gefallen. Jetzt fand ich, dass es Zeit zum Wiederlesen war. Dieses Mal hat das Buch mich noch mehr berührt. Es ist aus der stream of consciousness-Perspektive geschrieben, und ich fühlte mich George dadurch unglaublich nah. Ich weiß nicht, wie Isherwood es macht, Gefühle – Freude, Trauer – so intensiv  und präzise darzustellen, vor allem, wenn er die eigentlich banalen Vorgänge des täglichen Lebens beschreibt. Beim Lesen habe ich oft an Virginia Woolfs Mrs Dalloway gedacht, denn in beiden Büchern erleben wir einen Tag mit den Augen der Hauptfigur, und auch die Atmosphäre ist ähnlich.  Am Ende von Mrs Dalloway steht ein Tod. Wird George den Tag überleben?

„We hold hands as we walk through town. If anybody notices, nobody cares. I know we all like to think of the heart as the centre of the body, but at this moment, every conscious part of me is in the hand that he holds. It is through that hand, that feeling, that I experience everything else.“ (David Levithan, Boy Meets Boy)

Boy Meets Boy ist natürlich in einer ganz anderen Zeit geschrieben worden als A Single Man und die Haltung der Gesellschaft gegenüber schwulen Menschen hat sich sehr geändert. Das schlägt sich auch im Buch nieder. Allerdings geht das Buch teilweise in eine Utopie über: an Pauls Schule ist der gefeierte Quarterback im Football-Team eine Drag Queen, niemand scheint es zu stören, ob Mitschüler schwul oder hetero sind. Und überhaupt ist die Schule keine gewöhnliche Schule: die cheerleaders ziehen ihre Show auf Harley Davidsons ab und die Hausmeister handeln nebenbei mit Aktien an der Börse. Im Handlungsstrang um Pauls guten Freund Tony wird allerdings klar, dass es auch in dieser Welt (in der Nachbarstadt) Eltern gibt, die die Homosexualität ihres Sohnes nicht akzeptieren wollen.

Boy Meets Boy ist ein Jugendbuch und spielt, wie gesagt, an einer High School. Kennt ihr die amerikanische Jugendbuchreihe Sweet Valley High? Meine britischen Freundinnen sind damit aufgewachsen, und ich habe auch mal probeweise einen Band gelesen. Boy Meets Boy steht in dieser Tradition. Der Erzählfluss ist rasant und die action fängt direkt auf der ersten Seite an, ohne langsame Einleitung. Boy Meets Boy ist natürlich nur eine Variation des altbekannten Boy Meets Girl-Plots, und so geht es im Buch auch um die Irrungen und Wirrungen der jungen Liebe zwischen Paul und Noah, mit einigen Freundschaftskrisen, einem Schulball und anderen Komplikationen obendrauf. Kommen die beiden am Ende zusammen? Meine Lippen sind versiegelt.

Also: zwei völlig unterschiedliche Bücher. Die Titel selbst sagen es ja schon: ein alleinstehender Mann auf der einen Seite, zwei Jungs auf der anderen Seite. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, beide Bücher zu lesen!

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